25.02.12

Michal Snunit- Der Seelenvogel

Salvete,
Ich wollte euch einen Ausschnitt meines Lieblingsgedichts von der aus Israel stammenden Dichterin Michal Snunit vorstellen. Die Geschichte des Seelenvogels beschreibt die Beziehung von uns zu unserer Seele. Es ist eines der Gedichte, die mir so gut gefallen, weil nicht die Form des Gedichts, die im Unterricht immer wieder hoch und runter gepredigt wird, im Mittelpunkt steht, sondern der Inhalt.
Vielleicht gefällt es euch ja auch so gut, wie es mir gefällt,
Eure Sophie

Der Seelenvogel
Tief, tief in uns wohnt die Seele.

Noch niemand hat sie gesehen,
aber jeder weiß, dass es sie gibt.
Und jeder weiß auch, was in ihr ist.

In der Seele, in ihrer Mitte,
steht ein Vogel auf einem Bein.
Der Seelenvogel.
Und er fühlt alles, was wir fühlen.
Wenn uns jemand verletzt,
tobt der Seelenvogel in uns herum;
hin und her, nach allen Seiten,
und alles tut ihm weh.
Wenn uns jemand lieb hat,
macht der Seelenvogel fröhliche Sprünge,
kleine, lustige, vorwärts und rückwärts, hin und her.
Wenn jemand unseren Namen ruft,
horcht der Seelenvogel auf die Stimme,
weil er wissen will, ob sie lieb oder böse klingt.
Wenn jemand böse auf uns ist,

macht sich der Seelenvogel ganz klein
uns ist still und traurig.

Und wenn uns jemand in den Arm nimmt,

wird der Seelenvogel in uns grösser und grösser,
bis er uns fast ganz ausfüllt.
So gut geht es ihm dann.

Ganz tief in uns ist die Seele.
Noch niemand hat sie gesehen,
aber jeder weiss, dass es sie gibt.
Und noch nie, noch kein einziges mal,
wurde ein Mensch ohne Seele geboren.
Denn die Seele schlüpft in uns,
wenn wir geboren werden,
und sie verlässt uns nie,
keine Sekunde, solange wir leben.
So, wie wir auch nicht aufhören zu atmen
von unserer Geburt bis zu unserem Tod.
[...]

19.02.12

Wilrun

Moin, Moin!
Der schwerste Teil der Klausurenzeit ist um und ich habe nun endlich wieder Zeit etwas zu schreiben. Und, um endlich etwas vorwärts zu kommen, wollte ich einmal zeigen, was sich hinter dem Namen des Blogs verbirgt. Denn natürlich habe ich den Namen nicht wahllos ausgewählt. Der weibliche Vorname Wilrun kommt aus dem Althochdeutschen, bedeutet Wille und Geheimnis und ist verwandt mit dem männlichen Vornamen Walerian.
Der Wille ist Teil unseres Geistes. Von ihm gehen Impulse aus, bestimmte Ziele zu verwirklichen. Wer den Begriff des Willens nutzt, setzt voraus, dass der Mensch in seinem Wollen frei ist, also eine Willensfreiheit besitzt. Aristoteles ordnete den Willen dem animalischen Teil der Seele zu, der jedoch durch die Vernunft zum Teil steuerbar sei. Wir sind also fähig einen Willen zu entwickeln, indem wir anstreben bestimmte Wünsche umzusetzen. Unser Wille symbolisiert, dass wir den Glauben daran haben, dass alles möglich ist, was wir nur vor haben. Umso größer unser Wunsch ist etwas zu tun, umso größer ist auch unser Wille dies umzusetzen. Ein Geheimnisse beinhaltet zumeist eine Information, die bestimmten Personen nicht bekannt ist. Ein Geheimnis bleibt zumeist im Kreis weniger Eingeweihter. Sie sind sich dem Geheimnis bewusst, reden mit Anderen nicht darüber und wahren somit das Geheimnis. Geheimnisse zwischen Menschen können ihre Beziehung festigen oder lösen.
Jeder von uns hegt Wünsche und Vorstellungen für die Zukunft. Umso wichtiger es uns wird diese umzusetzen, umso stärker wird der Wille, um sie auch umzusetzen zu können. Menschen bewundern einen starken Willen, doch noch viel mehr den Wunsch, der die Quelle dieses Willens ist. Sie wünschen sich selbst ein Ziel zu entwickeln, etwas zu erreichen und das überwältigende Gefühl zu verspüren in etwas erfolgreich gewesen zu sein.
Man trägt ein göttliches Gefühl in seiner Brust, wenn man erst weiß, dass man etwas kann, wenn man nur will.“

Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852)

Ein Geheimnis aus sich zu machen, versucht doch Jeder. Wer möchte schon mit einem aufgeschlagenem Buch verglichen werden? Was einen Menschen interessant macht ist das, was er nicht erzählt. Geheimnisse sind das, was unsere Persönlichkeit interessant machen, die Möglichkeit, dass wir am nächsten Tag ein ganz anderer Mensch sein können.
Wer den kleinsten Teil seines Geheimnisses hingibt, hat den anderen nicht mehr in der Gewalt.“

Jean Paul (1763-1825)

Das was uns interessant macht, ist Wilrun. Unser Wille und die Geheimnisse um uns herum. Ist es deshalb nicht erstrebenswert etwas mehr Wilrun oder Walerian zu sein?
Eure Sophie